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Wanderritt in Afrika durch die Wüste - Januar 1995
von Franz Bosch, siebenmaliger Deutscher Meister im Trekkingreiten

Wir fliegen von München über Johannesburg nach Windhoek.(...) Unser Vorhaben ist es, zu Pferde von Windhoek auf Farmwegen und Wildwechseln durchs Khomas-Hochland (2.000 m) über die Hakosberge, vorbei an den 'roten Dünen von Rooisand', durch den Namib-Naukluft-Park, Kuiseb-Pass, durch die unendliche Namib-Wüste, über die Welwitschia-Fläche und durch die Mondlandschaft im Swakop-Tal direkt an den Atlantischen Ozean nach Swakopmund zu reiten. (...)

Ein Teil der Pferde ist am Haus und wird ausgesucht bzw. zugeteilt. Sättel werden angepasst, überwiegend Westernsättel. Ein Proberitt durch das sandige, trockene Flussbett ist der erste Kontakt für den langen Ritt. Hans Friedrich bekam seinen 'Fotografenschimmel', Irmgard`s Pferd 'Nino' hat Narben von einem Leoparden, ich bekam 'Duschko', einen Vollblut- Laufwunder-Fuchs. Ein Wüstenpferd-Hengst konnte wegen Lahmheit nicht mit.

Die Temperatur fiel in der Nacht auf 0 Grad. Wir satteln, Packtaschen und Wasserflaschen auf guten Sitz kontrollieren, Sonnencreme ins Gesicht, bald wird es 28 Grad warm. Die Lorry, der Lastwagen mit Lumpi's Sonderanfertigungen, ist mit allem beladen, was für neun Tage Wüste notwendig ist, sogar das Wasserfass angehängt. Ein Kleintransporter fährt als zweites Fahrzeug mit. Frederik, der schwarze Begleiter zu Pferd, hat ein Funkgerät in der Satteltasche; in den nächsten Tagen die einzige Verbindung zur Zivilisation. Guter Dinge verlassen wir die Farm - nach drei Stunden Ritt auf hauseigenem Gelände kommen wir durch ein Tor zum Nachbarn.

Der berühmte Gamsberg und das Hakosgebirge tauchen auf. Mitten in den Bergen, auf dem Gebiet der Valencia-Farm liegt das erste Nachtquartier. Oryxfleisch am offenen Feuer, Nederburger Wein, Wind und Null Grad, ein Sternenhimmel wie im Bilderbuch. Ich wollte unbedingt unter dem Kreuz des Südens im Freien schlafen. Der kalte Wind zog durch das Lager, was ich vom Kreuz des Südens spürte, war mein eigenes. Die späteren Nächte blieb ich im Zelt.

Am Morgen dann links und rechts vom steinigen, trockenen Flussbett steile Felswände. Dann kommt der Aufstieg zu Fuß. Die Pferde klettern wie Gemsen über Gestein aus Quarz, Granit und Glimmerschiefer. Wir haben genug mit uns zu tun; bei großen Felsbrocken muss man nur darauf achten, dass die Pferde einen beim Sprung nicht erwischen. Die Pferde sind glatt beschlagen, die Hufsohle hart wie Stein. Ganz in der Nähe ist der größte Quarzkristallstein der Welt. Er ist 25 m hoch, was noch in der Erde steckt, weiß niemand. Zwei Oryx-Gehörne liegen auf dem Weg. Kurz nach der Wasserstelle nach dem Aufstieg entdecken wir ein halb aufgefressenes Zebra. Gegenüber entfernt sich eine Affenfamilie, die uns aus angemessener Entfernung betrachtet hat.

So super die Pferde laufen, so scheu sind sie. Als frei gehaltene Tiere müssen sie mit jeder Gefahr rechnen. Nun geht es wieder abwärts, vorbei an Leopardenhöhlen. Leoparden bevorzugen Höhlen mit zwei Ausgängen. Durch geologisch ausgesprochen interessante Landschaft gelangen wir nach Natas. Der gut 70-jährige Farmer Schurz, auf dessen Farm wir übernachten, erzählt am Lagerfeuer aus seinem bewegten Pionierleben. (...) Auf seinem Land ist eine Goldmine, auf der bis vor 10 Jahren noch geschürft wurde. Jetzt hängen Fledermäuse an der Stollendecke.

Der 3.400 m hohe Gamsberg bleibt zur Linken. Kalksteinschichten besagen, dass vor langer Zeit alles unter Wasser war. Eine breite Schotterstraße, die Hauptstraße vom Atlantik her, mit zwei Autos pro Stunde in der Stoßzeit, lädt zum Traben und Galoppieren ein. Camp ist bei den ersten roten Dünen von Rooisand. In einem Trinkwasserbehälter für das Vieh wird das letzte Bad vor dem Meer genommen. Wir sind fünf Tage unterwegs, die Pferde sind topfit. In der Nacht heulen die Schakale in der Nähe der Zelte.

Jürgen zaubert in der Früh seine Spezialität 'Mielie Pap' (Maisbrei) aus weißem Maismehl. Mit Zuckerrohrsirup schmeckt es lecker und hält an. Lumpi macht ein herrliches 'Morgen-Oryx-Steak' auf einer umgebauten Pflugschar. Waldi braut einen geschmackvollen 'Wüsten-Tee', aus einem Kraut, das zwischen Klippen wächst und von Insidern auch als potenzstärkend angesehen wird. Wir reiten in den Namib-Naukluft-Park, über den öden Kuiseb-Pass mit seinen Euphorbien nach Aruvlei. (...)

Dann geht es geradewegs durch die Wüste, ohne Weg und Pfad durch ein trockenes Wadi über Ganab nach Hotsas in der Nähe der Blutkuppe. Mit 58 km ist es die längste Tagesetappe. Wir sind mitten in der Namib-Wüste, der ältesten Wüste der Welt. Namib heißt in der Nama-Sprache 'die unendliche Leere'; sie ist 2.000 km lang und 80 - 100 km breit. Der Namib-Naukluft-Park hat 500.000 Hektar Grasland und kann nur mit Sondergenehmigung durchritten werden. Bis dato sind Waldi und Lumpi die einzigen, die diese Lizenz haben. Nach dem Camp muss die Spur verwischt werden.

Schakale, Zebras, Oryxe, Springböcke und Strauße sind aus der Ferne zu sehen. Das Nachtlager ist in der Nähe der 'Blutkuppe'. Ohne ein Anzeichen menschlichen Daseins reiten wir auf den Wechseln von Zebras, Oryx und Springböcken. Obwohl wir vor Schlangen vorsichtig sein sollten, haben wir nur eine Peitschenschlange gesehen; auch Skorpione, die gerne in warme Schuhe kriechen, sehen wir nicht. Wieder wird uns die Weite der Wüste bewusst: Staub, Wasser (lauwarm aus der Flasche), im Camp jedoch 4-Sterne-Zelt mit bestem Service.

Die Wüste lebt
Hier gibt es Pflanzen und Käfer, die ausschließlich vom Nachttau leben. Ein Käfer macht einen Kopfstand und fängt den Tau auf, der an ihm hinunterläuft. Vorbei am Marmorgebirge, sieht man zum ersten Mal den Dunst vom Meer her. Wir reiten jetzt über die Welwitschia-Fläche. Welwitschia ist eine Pflanze, die auch vom Tau lebt. Die älteste ist ca. 2.000 Jahre alt, 300 Jahre ist eine alt, an der wir vorbeikommen. 20 km geht es durch das Swakop-Rivier (Trockenfluss), links und rechts interessante Felsformationen: Löwe, Ente, alter Mann.

Camp unter den Palmen von Goanikontes
Wie immer Staubwolken vom Wälzen der Pferde. Die Tagesetappen sind zwischen 30 km und 85 km - 1/8 Galopp, 4/8 Schritt und 3/8 Trab - alle Pferde sind topfit. Nach einem guten Frühstück mit Jürgen's Mais-Pap auf zur letzten Etappe. Erstmals wieder grüne Bäume, marmordurchzogene Felswände. Das Swakop-Rivier wird breiter. Sand, eine verlassene Farm, zwei Kudus, fünf Springböcke, ein Hase, zwei Wüsten-Trappen (Vögel) – wie ein Abschied von der Wüste. Die roten Dünen von Swakopmund, Flamingos und Enten, eine Brücke, Hochspannungsleitungen – die Zivilisation nimmt Form an.

Frederik spornt zum letzen Galopp an. Am Atlantischen Ozean werden wir mit einem Glas Sekt empfangen. Nicht alle Pferde wollen vom Wasser in der Brandungsgischt etwas wissen. Die Pferde werden im Reitclub von Swakopmund gut untergebracht. Wir sind am Ziel. Pelikane sitzen auf den Dächern und warten auf Fischabfälle. Nach neun Tagen schauen wir erschrocken in den Spiegel. Rasieren und eine Flasche 'Premier Grand Cru' aus Stellenbosch versöhnen.

Wir sind mit gesunden Pferden und Reitern am Ziel. Für maximale Versorgung für Reiter und Pferd, gutes Sattelzeug, Strumpfhosen und gute Laune sei gedankt. Nach der Übernachtung in einer Lodge mit Dusche in Swakopmund satteln wir ein letztes Mal und reiten über die roten Dünen zum Meer. Robben, Kormorane, Strandläufer, Seeschwalben – was für eine andere Welt!

(In leicht veränderter Form zum ersten Mal erschienen in 'Freizeitreiten', Heft 1 / 1995)
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