Abenteuerritt durch das Sperrgebiet - Juli 2008
von Miriam Schmidt

  "Auf was habe ich mich da eingelassen? Bist Du sicher, dass wir dort hinwollen?", möchte ich meinen Reisegefährten Phillip fragen. Die Landschaft, die sich vor unseren Augen erstreckt, lässt mich an unserem Vorhaben zweifeln. Keine Bäume, kein Wasser, nur endlose Sanddünen und flirrende Hitze erstrecken sich vor uns - bis zum Horizont. Und kein Zeichen, dass hier je ein Mensch seinen Fuß hinein gesetzt hat. Diese harsche Wüstenlandschaft scheint uns nicht willkommen zu heißen. Vielleicht auch deshalb, weil Menschen seit fast genau 100 Jahre lang in diesem Gebiet in der Tat nicht willkommen sind.

Mein Reisebegleiter Phillip, ein Haflinger Wallach, teilt meine Zweifel offenbar nicht. Ohne zu Zögern, als sei er auf einem ganz normalen Spazierritt, trabt er in diese Einöde hinein. Ich bewundere seinen Mut und schlucke meine Zweifel hinunter. Rasch merke ich, dass ich ihm vertrauen kann. Im Gegensatz zu mir ist es für ihn ja auch nicht der erste Ritt durch eine der Wüsten Namibias. Wir beide haben außerdem vollstes Vertrauen zu unserem Rittführer Waldi Fritzsche. Na gut, dann stürzen wir uns halt ins Abenteuer...

Wir sind mit ReitSafari Horse Trails unterwegs auf einem Pionierritt durch das Sperrgebiet. Im April 1908 hatte man in der Nähe von Lüderitz den ersten Diamant entdeckt. Nach diesem Fund versuchten viele Pioniere ihr Glück mit der Diamantensuche und manch einer wurde über Nacht reich. Ein halbes Jahr später schritt die Kolonialverwaltung ein und übernahm die Regulierung des Diamantengeschäfts. Um Schmuggel zu unterbinden, erklärte sie einen rund 100 km breiten Landstreifen an der Küste zum Niemandsland. Somit blieb dieses harsche und zugleich wunderschöne Wüstengebiet 100 Jahre lang weitgehend von menschlichen Einflüssen verschont.

Zum 100-jährigen Jubiläum des ersten Diamantenfundes organisierten Waldi Fritzsche und Telané Greyling, Spezialistin für die Wilden Pferde in der Nähe von Aus, eine ReitSafari von Aus nach Lüderitz. Die Diamantengesellschaft Namdeb und das Ministerium für Umwelt und Tourismus erteilten eine Sondergenehmigung für unser Abenteuer: 10 Tage auf dem Pferderücken durch das Sperrgebiet. Waldi Fritzsche und ihr Team bieten seit 16 Jahren mehrtägige Reittouren in Namibia an: den berühmten Namib Desert Trail, eine Reittour durch das Damaraland, einen Trail am Fish River Canyon und im Buschmannland. Doch dieser Ritt durch das Sperrgebiet ist etwas ganz Besonderes: Ein Pionierritt durch ein Land, das unsere Zeit ein Jahrhundert lang vergessen hat.

Ausnahmsweise sind auf diesem Pionierritt auch 'Freizeitreiter' zugelassen – und nicht nur hart gesottene Pferdespezialisten. Ich bin übrigens nicht die einzige von Gondwana: Auch Christine und Piet Swiegers von Klein-Aus Vista sind mit von der Partie. Beruhigend zu wissen, dass wir gemeinsam um unsere Beine und Hintern bangen. Gemeinsam ist auch die Hoffnung auf gutes Wetter. Hatte es nicht eine Woche zuvor in Aus bei Eiseskälte 60 mm geregnet?

Eine Einführung erhalten wir während des Abendessens auf Klein-Aus Vista, Startpunkt unserer Tour. Je nach vorhandener oder nicht vorhandener Reiterfahrung werden die Pferde zugeteilt. Und ab dann dreht sich das Gespräch - nein, nicht um Pferde, sondern: um die Diamanten im Sperrgebiet.

Den Nervenkitzel am nächsten Morgen scheinen Pferd und Reiter zu teilen, jeder fiebert dem Augenblick entgegen, endlich los zu reiten. Der erste Tag führt uns durch die abwechslungsreiche Landschaft des Gondwana Sperrgebiet Rand Parks in Richtung Sperrgebiet. Granitberge mit gewaltigen Felsblöcken an ihren Hängen wechseln sich ab mit weiten offenen Flächen. Zwischen Pferd und Reiter wächst eine zarte Freundschaft.

Die Beine sind recht wackelig am Abend, als wir das Camp erreichen, das das Versorgungsteam vorbereitet hat. Doch welch Luxus erwartet uns: Eine Dusche mit warmem Wasser! Wir genießen schon bald das Abendessen, das Waldi mit ihrem Team auf dem Feuer zubereitet. Der Nachtisch an diesem Abend: im Feuer gebackene Birne mit Schokolade und Vanillesoße. Lecker! An jedem der folgenden Tage schafft es Waldi, uns mit ihren Kochkünsten auf dem Feuer zu überraschen, sei es ein besonderes Dessert, ein Braai oder ein Bauernfrühstück. Unsere Feldbetten schlagen wir unterm Sternenhimmel auf... der Luxus besteht in der Schlichtheit.

Unser Camp bei der verlassenen Polizeistation Grillental, tief im Sperrgebiet, bietet etwas Besonderes. Nicht nur, dass wir am Abend Besuch von einer Hyäne erhalten, die uns neugierig und aus nächster Nähe beäugt. Als wir am nächsten Morgen in unseren Schlafrollen aufwachen, sind unsere Betten klamm. Die Pferde in nächster Nähe verschwimmen in Nebelschwaden. Über Nacht ist der Nebel von der Küste bis hierher gezogen. Er erzeugt in unserem Camp zwischen den Ruinen der Polizeistation eine unwirkliche, ja gespenstische Stimmung. Wir mögen uns gar nicht ausmalen, wie es wäre, wenn während des Ritts regnerisches Wetter aufziehen würde - und dieses Gebiet wird in dieser Jahreszeit des Öfteren von Kaltfronten und Winterregen heimgesucht. Doch dann durchdringen die ersten Sonnenstrahlen den Nebel und vertreiben unsere trüben Gedanken. Die Landschaft zeigt wieder ihr freundliches Gesicht.

Die nächsten Tage verfliegen wie im Traum. Wir reiten durch ständig wechselnde Landschaften. Weite offene Flächen in sanften Pastelltönen wechseln sich ab mit Granitbergen und endlosen Sanddünen. Und immer wieder begeistert uns die Weite dieser Wüstenlandschaft. Raum für lange Galoppstrecken, Raum zum Atmen. Aus diesem Grunde sind viele Gäste von ReitSafari Wiederholungstäter - süchtig geworden nach Namibias Weiten, kehren sie stets an den Ort ihrer 'Taten' zurück...

Im schönsten und schnellsten Galopp bewältigen wir die letzte Strecke bis an den Strand bei Lüderitz. Passend zu unserem Ritt de Luxe und den einst hier verborgenen Reichtümern gibt es am Ziel ein Glas Champagner. Und so stoßen wir stilvoll an: auf das Team, das uns so wundervoll umsorgt hat, auf unsere Pferde, die so mutig und treu waren, auf unsere Hinterteile, die den Ritt trotz einiger wunder Stellen durchgestanden haben, auf das herrliche Wetter, das uns nicht im Stich gelassen hat, auf Umweltministerium und Namdeb, die die Erlaubnis zu dieser Expedition erteilt hatten - und auf uns, die wir uns auf das Abenteuer eingelassen und es in vollen Zügen genossen haben.

(publiziert in der "Allgemeine Zeitung", 2008)
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